Medizinische Blutegel
Nach der Evolutionstheorie zählen Blutegel zu den ältesten Tiergruppen der Erde. Ihre evolutionären Vorfahren sollen sich vor mehreren hundert Millionen Jahren entwickelt haben, und Fossilfunde zeigen, dass sich ihr Grundbauplan über sehr lange geologische Zeiträume nicht wesentlich verändert hat. Wegen des Fehlens eines harten Skeletts sind Fossilien von Blutegeln verhältnismäßig selten.
Heute kennen wir etwa 650 Blutegelarten, doch nur ein kleiner Teil davon wird in der Hirudotherapie verwendet. In Europa kommen am häufigsten die Arten Hirudo medicinalis, Hirudo verbana und Hirudo orientalis zum Einsatz.
Medizinische Blutegel gehören zu den Ringelwürmern. Sie besitzen einen vorderen und einen hinteren Saugnapf, die sie zur Fortbewegung und zur Nahrungsaufnahme nutzen. Im vorderen Körperteil befindet sich der Mund mit drei Kiefern, die den charakteristischen dreistrahligen Biss erzeugen. Am Kopf tragen sie mehrere Lichtrezeptoren, über den Körper verteilt zahlreiche Sinneszellen, mit denen sie Bewegungen, Vibrationen und andere Reize aus der Umgebung wahrnehmen.
Blutegel sind Zwitter, das heißt, jedes Tier besitzt männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Sie werden in gut einem Jahr geschlechtsreif, und aus den Kokons, die sie absondern, entwickeln sich junge Blutegel. Ihre Lebensdauer kann unter günstigen Bedingungen zwanzig Jahre übersteigen.
In der Natur findet man sie am häufigsten in ruhigen Süßwasserlebensräumen wie Sümpfen, Tümpeln und langsam fließenden Gewässern. Wenn sie einen geeigneten Wirt wahrnehmen, nähern sie sich ihm und ernähren sich nur kurze Zeit, danach können sie eine Mahlzeit mehrere Monate lang verdauen. Aufgrund ihres außerordentlich effizienten Stoffwechsels können sie sehr lange Zeit ohne eine neue Mahlzeit überleben.
Blutegel sind ausgezeichnete Schwimmer und überraschend geschickt auch an Land. Sie sind zu erheblichen Veränderungen der Körperform fähig, wodurch sie mühelos durch enge Öffnungen gelangen. Jeder, der sie schon einmal gefüttert oder gezüchtet hat, weiß, dass sie wahre Meister der Flucht sind.

Aufgrund der Trockenlegung von Feuchtgebieten, Veränderungen in der Landwirtschaft und der intensiven Nutzung in der Vergangenheit sind die natürlichen Populationen medizinischer Blutegel in vielen Teilen Europas stark zurückgegangen. Daher werden heute für die therapeutische Anwendung fast ausschließlich Blutegel aus spezialisierten Zuchtbetrieben verwendet, während zahlreiche natürliche Populationen geschützt sind.
